Krisenunterbringung — als systemischer Prozess gesehen

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Dr. Ernst Tatzer


Krisenunterbringung als Systemischer Prozess

Wie in anderen Artikeln (Krisencheckliste, Ein Versuch, verschiedene Arten von Krisen zu unterscheiden und definieren) angesprochen, kann man die Krise eines Kindes immer auch als Krise des (dahinterstehenden) Systems verstehen. Mehr als der Erwachsene ist das Kind abhängig von Einflüssen seiner direkten Umwelt (Familie und Schule als primäre und sekundäre Bezugssysteme). Bei einem Kind können schon die lebensaltertypischen normalen Entwicklungsaufgaben krisenhaft verlaufen. Ressourcen und Defizite des Kindes, der Systeme Familie und Schule insgesamt, beeinflussen hierbei zu einem hohen Ausmaß, welchen Ausgang dieses Ereignis nimmt (s. Abb.: Krisenunterbringung - als systematischer Prozess gesehen).

Gerade im Leben von Kindern, welchen wir im Jugendwohlfahrtsbereich begegnen, sind im Vorfeld einer aktuellen Krise meist schon mehrere Ereignisse eingetreten, die professionelle Helfer unterschiedlichster Art und Anzahl mobilisierten. In diesem Zusammenhang bedeutet das Auftreten einer akuten Krisensituation möglicherweise die neuerliche Verschlechterung einer ungenügend kompensierten chronischen Krise. Krisen im Jugendwohlfahrtsbereich sind daher oftmals durch das Manifestwerden bereits vorhandener latenter Defizite im Gesamtsystem (zumindest mit-)bedingt.

Krisendiagnostik muss daher immer alle Anteile des Gesamtsystems beachten – das Helfersystem inbegriffen. Hierbei gilt es in erster Linie die auslösenden, verstärkenden und aufrechterhaltenden Aspekte bzw. Bedingungen der Krise im jeweiligen Subsystem zu identifizieren und ihr Zusammenspiel zu beachten. Gelingt es, trotz der oftmals stark emotional aufgeladenen Atmosphäre, eine Kooperation aller Beteiligten herzustellen bzw. in gegebenem Fall zu verbessern, so kann es schon durch den Einsatz geringer zusätzlicher Ressourcen zu einer Beruhigung der Krisensituation kommen.

Oft ist es wichtig, potenzielle Störungen der Kooperation zwischen den beteiligten Personen, die durch gegenseitige Schuldzuweisungen und dadurch, dass die Beteiligten einander die Kompetenz und den guten Willen absprechen, zu vermeiden. Ein wirksames und wichtiges Instrument für die positive Bewältigung einer Krise stellt dabei die gemeinsame Erstellung eines spezifischen Hilfeplans dar.

Falls auf der Basis dieses spezifischen Hilfeplans trotz des Ausschöpfens aller Möglichkeiten keine Beruhigung der Krise eingetreten ist, wird eine Krisenunterbringung notwendig.

Diese sollte dann auf einem modifizierten Hilfeplan beruhen, der die Indikation und erste Ziele der Unterbringung definiert. Hierbei sollten schon bei der Aufnahme eines Kindes gemeinsame Überlegungen darüber angestellt werden, welche Möglichkeiten nach erfolgter Krisenaufnahme in Betracht zu ziehen sind.

Des Weiteren sind klare Vereinbarungen zu treffen, wer die Verantwortung für die Fallkoordination innehat. Vernünftigerweise sollte das Casemanagement in den Händen der Person bleiben, welche bisher bereits die Planung der langfristigen Prozesse des Kindes verantwortet hat, und in Zukunft auch weiter verantworten wird.

Andernfalls besteht die Gefahr des Abbruchs von bereits gewachsenen Betreuungs- und Beziehungssituationen, welche bisher hilfreich und unterstützend waren.

Idealerweise sollte die Krisenaufnahme in einer für die bestehende Krisensituation vorgesehene und ausgestattete Einrichtung stattfinden. Ist dies aus Kapazitäts- oder anderen Gründen nicht möglich, dann sollte es zwischen den Anbietern von Krisenunterbringungen der Region eine gemeinsame Verantwortlichkeit geben, für das individuelle Kind die bestmögliche Unterbringung zu finden. Ein längeres Hinauszögern und mehrmalige frustrierende Versuche zur Unterbringung eines Kindes verschärfen die Krisensituation zusätzlich und lassen Krisen oft erst recht eskalieren.